{"id":10966,"date":"2008-07-28T16:12:00","date_gmt":"2008-07-28T14:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.tsp.at\/2008\/07\/28\/elbrus-trotzt-dem-klimawandel\/"},"modified":"2025-10-21T15:00:53","modified_gmt":"2025-10-21T13:00:53","slug":"elbrus-trotzt-dem-klimawandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tsp.at\/en\/2008\/07\/28\/elbrus-trotzt-dem-klimawandel\/","title":{"rendered":"Elbrus trotzt dem Klimawandel"},"content":{"rendered":"<article class=\"item\">\n<h2><strong>Bau- und Tourismusboom im Gefolge von Olympia 2014 erwartet<\/strong><\/h2>\n<p>28.07.2008<\/p>\n<\/p>\n<\/p>\n<\/p>\n<\/p>\n<\/p>\n<p>Asau\/Kabardino-Balkarien \u2013 Weltweit schmelzen die Gletscher dramatisch &#8211; doch im Kaukasus scheinen die Uhren anders zu laufen. Sieben der schneereichsten Winter seit dem Beginn der Aufzeichnungen 1962 wurden in den letzten zehn Jahren gemessen, erkl\u00e4rt der in Asau am Elbrus stationierte Lawinenspezialist der staatlichen Moskauer Universit\u00e4t, Alexander Oleynikov. Das ist auch der Grund, warum das Skigebiet rund um den h\u00f6chsten Berg Europas nach der Nominierung von Sotschi als Reserve-Austragungsort f\u00fcr die Olympischen Spiele 2014 gek\u00fcrt worden ist. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Elbrus\" target=\"_blank\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Elbrus<\/a> <\/p>\n<p>Der eigentliche Austragungsort der alpinen Disziplinen, Krasnaja Poljana nahe Sotschi, hat lediglich eine Seeh\u00f6he von 2230 Meter, und wenn der Schnee dort nicht ausreicht, m\u00fcssten die Olympioniken in das 200 Kilometer Luftlinie \u00f6stlich gelegene Baksantal am Fu\u00dfe des Elbrus ausweichen. Der mit 5642 m h\u00f6chste Berg Europas bietet ein sicheres Gletscherskigebiet von nahezu 150 Quadratkilometern, doch die Infrastruktur dort ist noch auf dem Stand der 60er Jahre, f\u00fcr anspruchsvolle Sportler wohl unzumutbar.<\/p>\n<p>Nicht alle sind daher so optimistisch wie der Chef der autonomen 900.000 Einwohner z\u00e4hlenden russischen Kaukasusrepublik Kabardino-Balkarien, Arsen Kanokov, der f\u00fcr seinen Heimgipfel die Medientrommel r\u00fchrt und den Bauboom vorantreibt. &#8220;Die Wahl von Sotschi ist ein Signal f\u00fcr Investoren, dass der Kaukasus-Konflikt Vergangenheit ist. Der Elbrus ist die einzige Alternative zu Sotschi, weil der Schnee hier niemals schmilzt. Wir werden alle Anstrengungen unternehmen, um seiner Bedeutung gerecht zu werden.&#8221; <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kabardino-Balkarien\" target=\"_blank\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kabardino-Balkarien<\/a> <\/p>\n<p>Doch auch die die Gletscher am Elbrus sind nicht v\u00f6llig immun gegen den fortschreitenden Klimawandel, wie Aufzeichnungen und historische Ansichten des Kaukasus-Gipfels belegen. So sind etwa die Wasserspiegel von Seen und Fl\u00fcssen der Region seit den 50er Jahren deutlich gestiegen, w\u00e4hrend die Gletscher wie \u00fcberall geschrumpft sind. Auch die Jahrhunderttemperaturen 2007 haben dem Berg zugesetzt, informiert die Glaziologin Natalia Volodycheva von der Universit\u00e4t Moskau. Ein Augenschein der Nachrichtenagentur pressetext vor Ort best\u00e4tigt, dass noch einiges passieren muss, sollten am Elbrus tats\u00e4chlich olympische Bewerbe stattfinden.<\/p>\n<p><strong>Das letzte Schneeparadies<\/strong><\/p>\n<p>Im Vorjahr berichteten Klimaforscher, dass die Gletscher in den Alpen in den n\u00e4chsten 80 Jahren wegschmelzen werden, wenn der gegenw\u00e4rtige Trend der Erderw\u00e4rmung anh\u00e4lt. Russische Gletscherforscher hingegen meldeten niedrigere Wintertemperaturen und h\u00f6here Schneemengen auf dem Elbrus, ganz entgegen dem globalen Trend &#8211; und nat\u00fcrlich g\u00fcnstig f\u00fcr die aufstrebende russische Ski-Industrie. Dr. Oleynikov begr\u00fcndet diesen j\u00fcngsten Trend mit regionalen Klimaeffekten, die noch nicht wirklich erkl\u00e4rt werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Die Region um den Elbrus ist jedenfalls im Aufbruch, mit oder ohne Olympia. Seitdem der erloschene Kaukasusgipfel vor rund 20 Jahren zum h\u00f6chsten Berg Europas erkl\u00e4rt wurde, hat ein wahrer Besucherstrom eingesetzt, denn der Elbrus geh\u00f6rt mittlerweile zu einem der Fixpunkte der &#8220;Seven Summits&#8221;, den jeweils h\u00f6chsten Gipfeln der sieben Kontinente. Das im zweiten Weltkrieg umk\u00e4mpfte Bergmassiv und sp\u00e4tere Sowjet-Bergsteigerzentrum hat sich westlichen Touristen ge\u00f6ffnet, die (noch) wenig Wert auf gute Infrastruktur und Komfort legen. Rund 350.000 H\u00f6hentouristen kommen allj\u00e4hrlich auf den Berg, sagt Amiran Zamilov von der Prielbrusie Nationalparkdirektion. Jeder 20. versucht den Gipfel zu erklimmen, der zwar technisch einfach, aber physisch \u00e4u\u00dferst anstrengend ist &#8211; und nicht immer ungef\u00e4hrlich (pressetext berichtete: <a href=\"http:\/\/pressetext.at\/pte.mc?pte=080728009\" target=\"_blank\">http:\/\/pressetext.at\/pte.mc?pte=080728009<\/a>).<\/p>\n<p><strong>Kritiker warnen vor Zerst\u00f6rung des \u00f6kologischen Gleichgewichts<\/strong><\/p>\n<p>Gletscherschmelze, extreme Temperaturschwankungen und Wetterkapriolen machen den an sich harmlos wirkenden Berg unkalkulierbar und Lawinenabg\u00e4nge unvorhersehbar &#8211; erst am vergangenen Freitag (25. Juli 2008) wurde eine ukrainische Bergsteigergruppe von einem brechenden Eisblock in die Tiefe gerissen, meldete die russische Nachrichtenagentur ITAR-Tass, drei Alpinisten \u00fcberlebten das Ungl\u00fcck nicht. Im Mai 2007 \u00fcberraschte eine n\u00e4chtliche Lawine ein Camp von japanischen Alpinisten &#8211; mit t\u00f6dlichem Ausgang. In der Silvesternacht 2005 wurden zwei Studenten nahe der meteorologischen Station von einer Lawine mitgerissen. Ihre H\u00fctte hatte dabei keinen Schutz geboten. \u00dcber 50 Bergsteiger haben so seit 2002 ihr Leben am Elbrus verloren. &#8220;In der Vergangenheit waren Lawinen zwischen Dezember und Februar die Regel, doch heute ist die Gefahr das ganze Jahr \u00fcber pr\u00e4sent&#8221;, warnt Oleynikov.<\/p>\n<p>Zudem zerst\u00f6ren die unkoordinierten Bauaktivit\u00e4ten das nat\u00fcrliche Gleichgewicht in der Region. Beeindruckend ist lediglich die im vergangenen Jahr er\u00f6ffnete neue Umlaufkabinenbahn, die gleich neben die verrostete Uralt-Gondelbahn aus Sowjetzeiten gebaut wurde. Doch die wird derzeit so gut wie noch nicht genutzt, weil sie nur bis zur Mittelstation reicht. Shops, Marktst\u00e4nde und Herbergen, Parkpl\u00e4tze und Baugruben wachsen am Fu\u00dfe des Berges wie die Schwammerln aus dem Boden &#8211; ohne erkennbaren Masterplan. Dazwischen lagern Baumaterial und Schutt oder t\u00fcrmen sich Schrott- und M\u00fcllh\u00e4ufen. Viele der im Betrieb stehenden Herbergen &#8211; Hotels gibt es nur wenige &#8211; sehen wie Rohbauten aus. <a href=\"http:\/\/www.elbrus.net\/accommodation\/elbrus_state_hotels.htm\" target=\"_blank\">http:\/\/www.elbrus.net\/accommodation\/elbrus_state_hotels.htm<\/a> <\/p>\n<p><strong>Keine Angst vor Lawinen<\/strong><\/p>\n<p>&#8220;Investoren und Eigent\u00fcmer der neuen touristischen Infrastruktur ebenso wie Skifahrer, Bergsteiger und Tagesg\u00e4ste haben nicht die geringste Ahnung, welchen Gefahren sie sich hier aussetzen&#8221;, sagt Natalia Volodycheva. Die meisten neuen Hotels und Herbergen unter dem Cheget-Berg liegen in potenziellen Lawinen-Gefahrenzonen. Die derzeitigen Schutzma\u00dfnahmen seien vollkommen inad\u00e4quat, warnt die Glaziologin. Versicherungsschutz sei unbekannt. Lediglich das 1968 gebaute Hotel Cheget, das erste Hotel der Region, k\u00f6nne im Moment als sicher vor Lawinen gelten, auch dadurch, dass es umgeben und gesch\u00fctzt ist von neueren Geb\u00e4uden.<\/p>\n<p>Erkl\u00e4rt wird die f\u00fcr Au\u00dfenstehende scheinbar unkoordinierte Baut\u00e4tigkeit unter anderem mit der politischen Situation in Kabardino-Balkarien, die seit jeher von ethnischen und nationalen Konflikten gepr\u00e4gt war. Balkarische Gesch\u00e4ftsleute spielen gerne die nationale Karte aus, wenn sie mit russischen Gesetzen konfrontiert werden, die etwa zum Schutz der Nationalparkregion erlassen wurden, meint Amiran Zamilov von der Nationalparkdirektion. Verfahren wegen Verst\u00f6\u00dfen gegen Bauordnung, Umweltgesetze oder sonstige Auflagen verlaufen meist im Sand.<\/p>\n<p>Inzwischen \u00e4u\u00dfert aber selbst die Verwaltung in der Hauptstadt Naltschik &#8211; zumindest verbal &#8211; Sorge \u00fcber die Entwicklung der Umweltsituation am Elbrus. Ein 2 Mrd. Dollar Umweltprogramm soll bis zum Jahr 2022 Abhilfe schaffen und die gr\u00f6bsten Sch\u00e4den verhindern. Unklar ist allerdings, woher das Geld kommen soll und wie die illegale Baut\u00e4tigkeit und die fehlende M\u00fcllentsorgung in den Griff gebracht werden soll. Viel eher realistisch sind da schon die Pl\u00e4ne zum Ausbau des Skigebietes am Elbrus im Vorfeld der Olympischen Winterspiele 2014. <a href=\"http:\/\/greenhorizon.rec.org\/\" target=\"_blank\">http:\/\/greenhorizon.rec.org\/<\/a> <\/p>\n<p>Neben der Totalerneuerung der veralteten Seilbahn- und Liftanlagen f\u00fcr den Ganzjahresbetrieb und einer neuen Autobahnverbindung ist ein ehrgeiziges Megaprojekt f\u00fcr das Baksantal am Fu\u00dfe des Elbrus in Vorbereitung. Ein entsprechendes Memorandum hat Pr\u00e4sident Arsen Kanokov mit dem Chef und Eigent\u00fcmer der Investmentgesellschaft InterRos, Vladimir Potanin, gleich nach Bekanntwerden der Olympia-Entscheidung im Juni 2007 unterzeichnet. Volumen: 1 Mrd. Dollar. <a href=\"http:\/\/www.interros.ru\/eng\/about\/direction\/Potanin\/\" target=\"_blank\">http:\/\/www.interros.ru\/eng\/about\/direction\/Potanin\/<\/a> <\/p>\n<p>Es ist davon auszugehen, dass Potanin und andere russische Oligarchen gemeinsam mit balkarischen Ortskaisern die Region vorw\u00e4rts bringen werden &#8211; mit dem Klimawandel als Business-Strategie im Gep\u00e4ck. Denn wenn die OECD-Prognosen eintreffen, dass 87 Prozent der europ\u00e4ischen Skigebiete ihre nat\u00fcrlichen Schneeressourcen verlieren werden, wenn die Temperaturen im Schnitt nur um zwei Grad weiter steigen, dann kann der Elbrus mit einer profitablen Zukunft rechnen.<\/p>\n<p>Weitere Fotos zu diesem Beitrag stehen unter dem Titel &#8220;Elbrus hofft auf Tourismusboom&#8221; zum Download bereit: <a href=\"http:\/\/www.fotodienst.at\/browse.mc?album_id=1970\" target=\"_blank\">http:\/\/www.fotodienst.at\/browse.mc?album_id=1970<\/a> <\/p>\n<\/p>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bau- und Tourismusboom im Gefolge von Olympia 2014 erwartet 28.07.2008 Asau\/Kabardino-Balkarien \u2013 Weltweit schmelzen die Gletscher dramatisch &#8211; doch im Kaukasus scheinen die Uhren anders zu laufen. 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