{"id":12508,"date":"2026-07-20T19:09:10","date_gmt":"2026-07-20T17:09:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tsp.at\/?p=12508"},"modified":"2026-07-20T19:09:10","modified_gmt":"2026-07-20T17:09:10","slug":"klimawandel-kraeftemessen-am-berg-ararat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tsp.at\/en\/2026\/07\/20\/klimawandel-kraeftemessen-am-berg-ararat\/","title":{"rendered":"Klimawandel: Kr\u00e4ftemessen am Berg Ararat"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"msubtitle\">Besucherzahlen steigen &#8211; Gletscher schwinden &#8211; Tourismuspotenzial w\u00e4chst<\/h2>\n<p>Dogubayazit, Ostt\u00fcrkei (Reisebericht) &#8220;Besuchen Sie Europa, solange es noch steht&#8221;, hei\u00dft es in einem Song der deutschen Kult-Band Geier Sturzflug aus dem Jahre 1983. Das gilt wohl auch f\u00fcr die verbliebenen Gletscherreste am heiligen Berg Ararat an der Grenze der T\u00fcrkei zu Armenien. Seit dem letzten Besuch von pressetext 2009 hat sich die Gletscherkappe auf dem 5.137 m hohen Gipfel massiv verkleinert, man kann das Wegschmelzen f\u00f6rmlich t\u00e4glich beobachten. Dabei hat es im vergangenen Winter mehr als sonst geschneit.<\/p>\n<p><strong>Au\u00dfergew\u00f6hnliche Buchungslage<\/strong><\/p>\n<p>Bergf\u00fchrer Mehmet zeigt sich wenig optimistisch, dass sich die Gesamtlage klimatisch \u00e4ndert, doch sein Chef Firat reibt sich die H\u00e4nde. So viele Besucher wie in diesem Jahr 2026 hat es zuvor nie gegeben. Die Buchungslage ist fantastisch, tausende Alpinisten aus aller Welt st\u00fcrmen den Berg, an dem laut biblischen Quellen die Arche Noah gestrandet sein soll. Ein kleines Abbild der Arche hat Greenpeace schon 2007 als Klimawandel-Mahnmal neben der beeindruckenden Salzgrotte von Tuzluca aufgestellt.<\/p>\n<p>Die Auswirkungen des weltweiten Klimawandels kann man in der Ostt\u00fcrkei verfolgen. Dem alarmierenden Gletscherschwund stehen erfreulicherweise vermehrte Niederschl\u00e4ge entgegen, die sich laut Angaben der Touristiker in den Sommer hinein verlegt haben. Das f\u00fchrt dazu, dass der Landwirtschaft und den B\u00f6den mehr Wasser zur Verf\u00fcgung steht, das der ansonsten ausgetrockneten Bergregion auf durchschnittlich 1800 m Seeh\u00f6he zugute kommt. Die M\u00e4rkte in Igdir, Dogubayazit und Agri sind jedenfalls prallvoll mit Melonen, Marillen, Kirschen und allerlei Gem\u00fcse &#8211; die Stimmung ist ausgesprochen gut.<\/p>\n<p><strong>Eine Tourismusregion im Aufbruch<\/strong><\/p>\n<p>Der Klimawandel interessiert die Einheimischen wenig &#8211; durch die Bank Kurden, die seit Generationen hier leben und das riesige Vulkanmassiv des Ararat als identit\u00e4tsstiftend f\u00fcr ihre stolze Kultur betonen. F\u00fcr sie z\u00e4hlt das Tagesgesch\u00e4ft, die gute Versorgung, der Ausbau der Infrastruktur, Wohnen, Arbeiten und der funktionierende Warenverkehr. Diese Faktoren haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten massiv gebessert. Man sieht den Wohlstand f\u00f6rmlich aus dem Boden sprie\u00dfen, \u00fcberall Baukr\u00e4ne, moderne Wohnbauten, neue Stra\u00dfen, erh\u00f6hter Auto- und G\u00fcterverkehr, die Finanzen scheinen vorhanden.<\/p>\n<p>TAF-Travel-Chef Firat zeigt keine Scheu zur Frage, wem der neue Wohlstand, die gute Entwicklung und Gesch\u00e4ftslage zu verdanken ist. Die politische F\u00fchrung in Ankara habe vieles richtig gemacht, investiert in Regionen, die fr\u00fcher v\u00f6llig vernachl\u00e4ssigt wurden. Und das gilt insbesondere f\u00fcr die Ostt\u00fcrkei, die von Kurdenkriegen, Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6men und Erdbeben schwer betroffen war. Heute kann man sagen, dass die Region zwischen Kars, Vansee, Erzurum und Dogubayazit zur Westt\u00fcrkei aufgeschlossen hat.<\/p>\n<p>Die schleichende Abwanderung in Richtung Industriemetropolen im Westen d\u00fcrfte gestoppt worden sein. Da die Geburtenraten in den l\u00e4ndlichen Gebieten Ostanatoliens vergleichsweise hoch sind und die Arbeitskr\u00e4fte f\u00fcr den Wohn- und Stra\u00dfenbau vor Ort ben\u00f6tigt werden, ist die Arbeitsmigration zuletzt gesunken und die Bev\u00f6lkerung gewachsen. Ganz stark zu beobachten ist das in der Millionenstadt Van, wo eine neue Generation von hungrigen Regionalpolitikern, darunter starke Frauen, die Urbanisierung vorantreibt &#8211; nat\u00fcrlich \u00fcberwacht durch die F\u00fchrung in Ankara.<\/p>\n<p><strong>Entwicklung mit Wermutstropfen<\/strong><\/p>\n<p>Die kritischen Stimmen sind leiser geworden, seit sich die Lage in den Kurdengebieten beruhigt hat. Politik und Wirtschaft konzentrieren sich auf den Ausbau der grundlegenden Infrastruktur, der Frieden und Wohlstand erst erm\u00f6glicht. Die Autonomie ist sp\u00fcrbar, der Stolz der Kurden ungebrochen. Was der Region rund um den Vansee, dem gr\u00f6\u00dften Binnensee der T\u00fcrkei, jedoch noch Kopfzerbrechen macht, ist die ansonsten zaghafte Entwicklung der internationalen Besucherzahlen. Bis dato ist der Tourismus rund um den See in erster Linie von der Binnennachfrage dominiert. Besucher aus dem Ausland fehlen.<\/p>\n<p>Hassan, Betreiber der einzigen F\u00e4hrverbindung zwischen Geva\u015f 45 km s\u00fcdwestlich der Millionenstadt Van und der malerischen armenischen Klosterinsel Akdamar, sagt klar, was er sich denkt. Die &#8220;Pappnasen&#8221; in Ankara seien schuld daran, dass nicht deutlich mehr ausl\u00e4ndische Besucher kommen. Vor 20 Jahren, erz\u00e4hlt er, habe er st\u00e4ndig Busgruppen aus \u00d6sterreich und Deutschland empfangen und auf die Insel gebracht. Kulturpublikum und Badeg\u00e4ste fehlen in seiner Rechnung derzeit vollst\u00e4ndig. Von den H\u00f6henbergsteigern allein k\u00f6nne die Region nicht leben.<\/p>\n<p>Dabei ist der Ararat, sein Panorama und sein biblischer Hintergrund wohl der Hauptgrund, warum \u00fcberhaupt Besucher in diesen Teil des Landes kommen. Im Jahre 1840 ist der Vulkan zum letzten Mal ausgebrochen &#8211; begleitet von einem heftigen Erdbeben. Erste touristische Ans\u00e4tze folgten nach 1945, immer wieder unterbrochen von Auseinandersetzungen in der Kurdenfrage. Offiziell ge\u00f6ffnet hat die T\u00fcrkei den &#8220;Berg des Schmerzes&#8221; (Agri Da\u011f\u0131) erst 2001. Aufgrund seiner heiklen geografischen Lage im Grenzgebiet zu Armenien und Iran ist er weiterhin Teil einer milit\u00e4rischen Sperrzone, mit Stra\u00dfenkontrollen an der Tagesordnung.<\/p>\n<p>Die Grenzstadt Dogubayazit ist zentraler Ausgangspunkt f\u00fcr Bergtouren auf den Ararat, eine aufstrebende Kleinstadt, angewachsen von 10.000 auf \u00fcber 80.000 Einwohner seit dem Jahr 2001. Von hier f\u00e4hrt man in zwei Stunden zum Auftakt der Bergtour auf rund 2.200 Meter Seeh\u00f6he, dann geht es \u00fcber Almwiesen zum Camp 1 auf 3.300 Meter und \u00fcber Ger\u00f6ll und Vulkanausw\u00fcrfe auf 4.100 Meter zum Camp 2. Der Gipfeltag beginnt nach Mitternacht, etwa sechs Stunden sind es bis auf 5.137 Meter, wobei der Weg von verharschtem Schnee und Gletschereis auf den letzten 200 Metern ges\u00e4umt ist. Alles problemlos machbar, ohne irgendwelche Schwierigkeiten.<\/p>\n<p>Offizielle Angaben \u00fcber die Zahl der Gipfelst\u00fcrmer auf dem Ararat gibt es nach wie vor nicht, da der Berg in der Vergangenheit aufgrund kurdischer und armenischer Provokationen immer wieder f\u00fcr internationale Aufregung gesorgt hat. Sch\u00e4tzungen zufolgen liegen die Zahlen inzwischen jedoch bei \u00fcber 20.000 Bergsteigern pro Jahr, das w\u00e4re eine Verdoppelung seit dem Hitzejahr 2007, der bis dahin st\u00e4rksten Saison, auch wenn lediglich ein Bruchteil ganz oben war. Politische Krisen und der Putsch vor zehn Jahren haben dazu beigetragen, dass der Berg von den Reiseveranstaltern immer wieder aus dem Programm genommen wurde.<\/p>\n<p><strong>Natur und Kultur pur<\/strong><\/p>\n<p>Dabei z\u00e4hlt der Ararat neben dem Elbrus und dem Kasbek im Kaukasus und dem Demavand im Iran zu den beliebtesten 5.000ern in der Region. Die relativ einfache Anreise \u00fcber einen der neuen Flugh\u00e4fen in Igdir, Van oder Agri und die exotische Hochlandschaft Ostanatoliens sind Garanten f\u00fcr ein unvergessliches Naturerlebnis. Hinzu kommen zahlreiche Kulturdenkm\u00e4ler, die es zu entdecken gilt, so etwa Burgen aus der Zeit der Urart\u00e4er wie die Festung Van, reich geschm\u00fcckte armenische Kirchen aus dem Mittelalter, Karawansereien entlang der Seidenstra\u00dfe oder auch M\u00e4rchenpal\u00e4ste wie den des Emirs Ishak Pascha aus dem 18. Jahrhundert bei Dogubayazit.<\/p>\n<p>Aus der Vision des vormaligen Gouverneurs der Ararat-Provinz Igdir wurde allerdings nichts: Mustafa Tamer tr\u00e4umte 2001 in einem Interview mit dem deutschen Tagesspiegel von einem F\u00fcnf-Sterne-Hotel, einem Restaurant, einem Museum und einem Wintersportzentrum samt einer acht Kilometer langen Seilbahn auf den Ararat-Gletscher. Die aktuelle Realit\u00e4t sieht anders aus. Der Berg ist von unz\u00e4hligen festverankerten und behelfsm\u00e4\u00dfig lose aufgestellten Zelten \u00fcbers\u00e4ht und leidet an manchen Orten an M\u00fcll und F\u00e4kalien. Wege und Klettersteige sind amateurhaft angelegt, Markierungen kaum erkennbar.<\/p>\n<p>Das Kr\u00e4ftemessen von Touristikern mit Klimasch\u00fctzern d\u00fcrfte also weiter gehen. Sollten die Besucherzahlen anhaltend steigen, werden die Verantwortlichen nicht umhin kommen, \u00fcber eine fix installierte Sanit\u00e4r-Infrastruktur sowie \u00fcberdachte N\u00e4chtigungsm\u00f6glichkeiten am Berg nachzudenken. Gr\u00f6\u00dfere Schutzh\u00fctten nach dem Vorbild des Alpenvereins im Zentrum von kleineren Zeltansammlungen w\u00e4ren sicherlich der geeignete Weg, um verw\u00f6hnte Besucher wie lokale Wirtschaftsinteressen zufriedenzustellen. Das w\u00e4re letztlich auch ein Beitrag zum Umweltschutz und Kampf gegen den fortschreitenden Klimawandel.<\/p>\n<p>Weitere Fotos auf Fotodienst: <a href=\"https:\/\/fotodienst.pressetext.com\/album\/3853\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.fotodienst.pressetext.com\/album\/3853<\/a><\/p>\n<p>(Ende)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besucherzahlen steigen &#8211; Gletscher schwinden &#8211; Tourismuspotenzial w\u00e4chst Dogubayazit, Ostt\u00fcrkei (Reisebericht) &#8220;Besuchen Sie Europa, solange es noch steht&#8221;, hei\u00dft es in einem Song der deutschen Kult-Band Geier Sturzflug aus dem Jahre 1983. Das gilt wohl auch f\u00fcr die verbliebenen Gletscherreste am heiligen Berg Ararat an der Grenze der T\u00fcrkei zu Armenien. 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