{"id":9961,"date":"2019-06-06T08:18:00","date_gmt":"2019-06-06T06:18:00","guid":{"rendered":"https:\/\/staging.tsp.at\/2019\/06\/06\/kurzversion-der-eroeffnungsrede-von-maurizio-bettini-bei-toleranzgespraechen\/"},"modified":"2025-10-21T14:57:29","modified_gmt":"2025-10-21T12:57:29","slug":"kurzversion-der-eroeffnungsrede-von-maurizio-bettini-bei-toleranzgespraechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tsp.at\/en\/2019\/06\/06\/kurzversion-der-eroeffnungsrede-von-maurizio-bettini-bei-toleranzgespraechen\/","title":{"rendered":"Kurzversion der Er\u00f6ffnungsrede von Maurizio Bettini bei Toleranzgespr\u00e4chen"},"content":{"rendered":"<article class=\"item\">\n<h2><strong>Reinheit Europas ein Mythos: Gesellschaftsvision der R\u00f6mer brauchbares Modell f\u00fcr die Gegenwart<\/strong><\/h2>\n<p>06.06.2019<\/p>\n<\/p>\n<\/p>\n<\/p>\n<\/p>\n<\/p>\n<p>Fresach \u2013 <strong>Die Diskussion dar\u00fcber, ob offene (grenzenlose) oder geschlossene (isolierte) Staatssysteme auf lange Sicht erfolgreicher sind, ist so alt wie die Geschichte Europas selbst. W\u00e4hrend die alten Griechen Fremden und Zuwanderern (Met\u00f6ken) niemals Zugang zu Land oder B\u00fcrgerrechten gew\u00e4hrten, konnten im R\u00f6mischen Reich sogar Sklaven B\u00fcrger werden. Die Herkunft aus fremder Erde war f\u00fcrdas B\u00fcrgerrecht kein Hindernis. Im Gegenteil, im alten Rom hatte jeder Mensch zwei Vaterl\u00e4nder (Identit\u00e4ten) &#8211; sein Herkunftsland und das R\u00f6mische Reich. <\/strong> <\/p>\n<p>In seiner Er\u00f6ffnungsrede zu den Europ\u00e4ischen Toleranzgespr\u00e4chen 2019 in <span class=\"hl\">Fresach<\/span> wies der in Brixen geborene italienische Sprach- und Literaturwissenschafter Maurizio Bettini von der Universit\u00e4t Siena darauf hin, dass es am Anfang des r\u00f6mischen Reichs trojanische Fl\u00fcchtlinge waren, sie sich mit den einheimischen Latinern vermischten und die Grundlage zur sp\u00e4teren Weltmacht legten. Zu allen Zeiten waren jene Gesellschaften anderen \u00fcberlegen, schlussfolgerte Bettini, die es verstanden, unterschiedliche Kulturen zu integrieren und zum Vorteil aller zu nutzen.\n<\/p>\n<p>Laut Bettini war die Identit\u00e4t der R\u00f6mer vor allem eine &#8220;exzentrische&#8221;, also von au\u00dferhalb (der Mitte) kommende. Und genau das sei der Grund, weshalb die Gesellschaftsvision und Praxis der R\u00f6mer auch in unserer Zeit noch ein brauchbares Modell f\u00fcr Europa abgeben kann. &#8220;Doch dieses verbei\u00dft sich in einer Selbstsuche, die ein Ganzes in viele Teile mit dem Anspruch auf nationale Souver\u00e4nit\u00e4t und der Tendenz zur Selbstbeschau aufsplittert.&#8221; Folge dieser Haltung sei die permanente Angst vor den Fremden, den verschiedenen Formen des Andersseins &#8211; und zwar immer dann, wenn diese an den Grenzen sichtbar werden, sagte Bettini am Mittwoch Vormittag im K\u00e4rntner Bergdorf <span class=\"hl\">Fresach<\/span>.\n<\/p>\n<p><strong>Gr\u00fcndung Europas aus der Vielfalt<\/strong> <\/p>\n<p>In seinem Bericht von den Ereignissen bei der Gr\u00fcndung Roms schreibt Titus Livius, dass aus der Vielfalt der Menschen, die ohne hierarchische Unterschiede um Romulus geschart waren, jene Kraft hervorbrach, die eines Tages die Gr\u00f6\u00dfe Roms ausmachen w\u00fcrde. Die Abk\u00f6mmlinge der Fl\u00fcchtlinge und Schiffbr\u00fcchigen glaubten an die Macht der Mischung; sie lebten im Bewusstsein, dass in Rom alles &#8220;das Ergebnis von Vermischung und Eingliederung&#8221; ist, wie der Philosoph Seneca sagte.\n<\/p>\n<p>Laut Bettini sahen die R\u00f6mer darin &#8220;Kraft, nicht Schw\u00e4che&#8221;. Im Gegenteil, gerade die Weigerung, sich mit anderen Menschengruppen zu vermischen, hatte die Chancen auf Bestand bei jenen V\u00f6lkern unterh\u00f6hlt, die sich dem Mythos der Schlie\u00dfung, der Trennung und der eigenen Reinheit verschrieben hatten. Dazu zitierte Bettini Kaiser Claudius: &#8220;Welche Entscheidung war es denn, die Athen und Sparta, beiden so kriegserprobten Stadtstaaten, den Niedergang brachte? Es war die Distanz, die sie zwischen sich und den besiegten Feinden errichteten, eben weil diese Feinde fremder Herkunft waren. Unser Gr\u00fcndervater Romulus hingegen war so weise, dass er oft innerhalb eines Tages viele V\u00f6lker zun\u00e4chst als Feinde und kurz danach als B\u00fcrger betrachtete. Wir (die R\u00f6mer) sind immer von Fremden regiert worden.&#8221;\n<\/p>\n<p><strong>Kulturelle Identit\u00e4t ist nichts Biologisches<\/strong> <\/p>\n<p>Bettini sagte in seiner Rede, er habe sich nie mit der Vorstellung abgefunden, dass die kulturelle Zugeh\u00f6rigkeit, die wir gemeinhin &#8220;Identit\u00e4t&#8221; nennen, von &#8220;Wurzeln&#8221; oder den Tiefen der Tradition ableitbar sei. Kulturelle Wurzeln seien nichts weiter als eine irref\u00fchrende Metapher. In Wirklichkeit sei kulturelle Identit\u00e4t, wenn es sie \u00fcberhaupt gibt, ein lebendiges, oft gar nicht fassbares Ph\u00e4nomen, und Traditionen vielf\u00e4ltige, verschwommene Dinge, die sich im Laufe der Zeit unz\u00e4hlige Male wandeln und sich stets neu mit anderen Traditionen verkn\u00fcpfen.\n<\/p>\n<p>Laut Bettini verdanken wir dem Anthropologen Maurice Halbwachs die Erkenntnis, dass sich das kollektive Ged\u00e4chtnis im Ablauf der Generationen je nach gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ver\u00e4ndert und dabei seine Inhalte an die Erfordernisse der Gegenwart anpasst. Es brauche indes gar keine Anthropologen, um Traditionen in ihrer Instabilit\u00e4t zu durchschauen. &#8220;Jeder von uns kann im Laufe seines Lebens beobachten, wie Traditionen entstehen, sich ver\u00e4ndern und absterben&#8221;, sagte Altphilologe Bettini in <span class=\"hl\">Fresach<\/span>. &#8220;Daher m\u00fcssen wir einsehen, dass Traditionen im Grunde kaum definierbar sind.&#8221;\n<\/p>\n<p>In Wirklichkeit seien Tradition und die aus ihr ableitbare kulturelle Identit\u00e4t nichts Biologisches, keine Natur und keine Konstante. Vielmehr sind sie das Ergebnis einer Entscheidung, so wie sich einst die R\u00f6mer f\u00fcr den Gr\u00fcndungsmythos ihrer Stadt entschieden haben. &#8220;Die R\u00f6mer setzten nicht auf Schlie\u00dfung und Reinheit, sondern auf \u00d6ffnung und Vermischung&#8221;, sagte Bettini und schlussfolgerte: &#8220;Und genau diese Entscheidung muss auch unser Europa heute mit Entschlossenheit treffen.&#8221;\n<\/p>\n<p><strong>Europas Jugend hat Entscheidung bereits getroffen<\/strong> <\/p>\n<p>Die heutige Jugend habe ihre Zugeh\u00f6rigkeit bereits im Sinne des r\u00f6mischen Modells definiert: Die jungen Europ\u00e4erinnen und Europ\u00e4er sind Italiener, die in Deutschland oder Spanien arbeiten; Deutsche mit Arbeit und Wohnsitz in England; Portugiesen, die in Holland oder Schweden leben und arbeiten. Jede und jeder von ihnen bringt in das Land ihrer Wahl ein St\u00fcck Heimaterde mit, vermischt es mit anderen Erden und auf diese Weise erschaffen diese jungen Menschen zusammen eine neue Heimat, ja viele wandelbare Heimaten. Jede und jeder erwirbt ein neues B\u00fcrgerrecht und beh\u00e4lt dennoch &#8211; so wie einst in Rom &#8211; ihre, seine eigene Abstammung.\n<\/p>\n<p>Doch es gibt in Europa auch L\u00e4nder, wo die Regierungen &#8211; nicht das ganze dort lebende Volk &#8211; den Weg der Schlie\u00dfung und der Absperrungen gew\u00e4hlt haben, weil sie ausschlie\u00dfende Identit\u00e4ten und deren vermeintliche Reinheit sch\u00fctzen wollen. Auch in Italien seien solche Tendenzen zu beobachten. &#8220;Wir erleben, wie einige L\u00e4nder sich gegen die Welt jenseits ihrer Grenzen verschlie\u00dfen und gleichzeitig nach innen hin autorit\u00e4r regieren. Das sollte uns zu denken geben! Denn in dem Ma\u00dfe wie Menschenrechte wie das Recht auf Asyl und Aufnahme verletzt werden, steht auch die Missachtung von B\u00fcrgerrechten auf der Tagesordnung, etwa das Recht auf freie Meinungs\u00e4u\u00dferung.&#8221;\n<\/p>\n<p><strong>Schlie\u00dfung von Grenzen ist Freiheitsberaubung<\/strong> <\/p>\n<p>&#8220;Die Entscheidung f\u00fcr die Schlie\u00dfung ist eine absolute Entscheidung, die schon per definitionem Freiheiten leugnet, Freiheit jedermann verwehrt, egal, ob er Ausl\u00e4nder oder Inl\u00e4nder ist. Europa geh\u00f6rt jedoch nicht jenen, die ihrem Kontinent DIE &#8220;Tradition schlechthin&#8221; verordnen wollen, die zufolge ihrem unanfechtbaren Urteil die einzig wahre Identit\u00e4t des europ\u00e4ischen Kontinents oder seiner einzelnen L\u00e4nder zu repr\u00e4sentieren hat&#8221;, sagte Bettini zum Abschluss seiner Er\u00f6ffnungsrede. &#8220;Europa geh\u00f6rt jenen, die sich f\u00fcr EINE Tradition, n\u00e4mlich die gerechteste, offenste und f\u00fcr alle akzeptabelste Tradition zu entscheiden wissen. Eine Tradition der Gleichheit, Klugheit, Weitsicht; eine Tradition, die unseren Kindern und Enkeln Freiheit sowie gleiche Rechte sichert und aus ihnen gute B\u00fcrger, gute Menschen macht.&#8221;\n<\/p>\n<p><strong>Hintergrund:<\/strong> Maurizio Bettini, geboren 1947 im S\u00fcdtiroler Brixen, lehrt als Professor f\u00fcr klassische Philologie an der Universit\u00e4t Siena und leitet das Institut f\u00fcr Anthropologie der antiken Welt. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher B\u00fccher zur Mythologie und Anthropologie und schreibt regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr die Tageszeitung &#8220;La Repubblica&#8221;. Sein j\u00fcngstes Buch &#8220;Wurzeln: Die tr\u00fcgerischen Mythen der Identit\u00e4t&#8221; erregte im deutschsprachigen Feuilleton viel Aufmerksamkeit. Es ist ein heilsames Vademecum gegen die Leitkultur-Debatte, eine kluge Warnung vor Xenophobie, Ausgrenzung und Missbrauch von Tradition und Geschichte. In <span class=\"hl\">Fresach<\/span> hat Maurizio Bettini die Er\u00f6ffnungsrede der Europ\u00e4ischen Toleranzgespr\u00e4che 2019 zum Thema &#8220;Heimat Fremde Erde: Wem geh\u00f6rt Europa?&#8221; gehalten. <a href=\"http:\/\/www.fresach.org\" rel=\"nofollow\" target=\"_blank\">http:\/\/www.<span class=\"hl\">fresach<\/span>.org<\/a><\/p>\n<\/article>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reinheit Europas ein Mythos: Gesellschaftsvision der R\u00f6mer brauchbares Modell f\u00fcr die Gegenwart 06.06.2019 Fresach \u2013 Die Diskussion dar\u00fcber, ob offene (grenzenlose) oder geschlossene (isolierte) Staatssysteme auf lange Sicht erfolgreicher sind, ist so alt wie die Geschichte Europas selbst. 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